Literatuur - Dylan Thomas Boathouse

Die Tradition des Geschichtenerzählens

Wir Waliser reden gerne, insofern ist es keine Überraschung, dass die walisische Literatur der Tradition des Geschichtenerzählens entstammt. Wir lieben die Sprache und verfügen über eine blühende literarische Kultur, sowohl in der walisischen als auch in der englischen Sprache (anglo-walisische Literatur genannt). Damit dies auch gebührend gefeiert werden kann, findet in Wales das bekannteste Literaturfestival der Welt statt: Hay-on-Wye. Jedes Jahr zieht dieses Ereignis hochkarätige Namen der literarischen Welt von überallher an.

Poesie

Unsere älteste noch existierende Poesie datiert aus dem sechsten Jahrhundert und geht damit jeder anderen europäischen Literatur voraus, ausgenommen der griechischen und lateinischen. Die walisische Poesie entwickelte sich als mündlich überlieferte Kunst. Dies führte zu Cynghanedd (Harmonie), einem sehr komplizierten System aus Alliterationen und Binnenreimen, das heute noch beim National Eisteddfod honoriert wird.

Im Mittelalter spielten die walisischen Barden und Dichter eine soziale Rolle. Ihre Aufgabe war es, Loblieder auf die Adligen und Herrschenden, oft walisische Prinzen, zu singen. Diese Tradition dauerte vom 6. bis ins 16. Jahrhundert an. Dafydd ap Gwilym – ein Dichter des 14. Jahrhunderts – unterschied sich ein bisschen von den anderen. Er schrieb über Themen des täglichen Lebens, und das in Alltagssprache. Er gilt als wahrer Revolutionär und hat nach wie vor seinen eigenen Platz unter den großen europäischen Dichtern.

Dylan und RS Thomas

Die wahrscheinlich berühmtesten zwei anglo-walisischen Dichter tragen beide den Namen Thomas. Die berühmteste – oder vielleicht berüchtigtste – literarische Persönlichkeit aus Wales ist Dylan Thomas. Seine Gedichte und Kurzgeschichten, insbesondere sein ‚Stück für Stimmen’ „Unter dem Milchwald“, funktionieren am besten, wenn sie laut vorgelesen werden, was uns zu den mündlichen Traditionen der walisischen Poesie zurückführt. Dylan Thomas hatte keine Illusionen oder romantischen Vorstellungen über sein Land und nannte seine Heimatstadt Swansea eine „hässliche, liebenswerte Stadt“.

RS Thomas ist vielleicht nicht so bekannt, dennoch glauben viele, dass er einen großen Einfluss auf die Literatur hatte. Er starb im Jahr 2000 im Alter von 87 Jahren. RS Thomas hatte über 30 Poesiebände verfasst, sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und im Jahr 1996 wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert.

Moderne Literatur

Auch einige neuere Schriftsteller kommen aus Wales, einschließlich des beliebten, 1990 verstorbenen Kinderbuchautors Roald Dahl, der in Cardiff als Sohn norwegischer Einwanderer geboren wurde. Sarah Waters, deren Roman „Solange du lügst“ („Fingersmith“ im Original) auf die Auswahlliste des Booker und des Orange Preises gelangte, ist heute wahrscheinlich die von den Kritiken am meisten gefeierte walisische Autorin. Andere beliebte Schriftsteller sind u. a. Niall Griffiths, Jasper Fforde, Malcolm Pryce und Rachel Trezise. Der in englischer Sprache schreibende Dichter Owen Sheers ist gerade dabei sich international einen Namen zu machen.

Auch die Poesie in walisischer Sprache gedeiht weiter, vor allem durch die Erfolge von Dichtern wie Menna Elfyn, deren Werk in mehrere Sprachen übersetzt wird, und Twm Morys, Sohn der gefeierten Reiseschriftstellerin Jan Morris. Beliebte Romanautorinnen, die in walisischer Sprache schreiben, sind z. B. Caryl Lewis und Bethan Gwanas.

Die Mabinogion

Diese walisischen Volkerzählungen des Mittelalters gelten als der größte Beitrag des Landes zur europäischen Literatur. Sie wurden Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, als Lady Charlotte Guest ihre Übersetzung unter dem Titel „The Mabinogion“ veröffentlichte. Die Geschichten selbst sind jedoch viel älter. Es wird angenommen, dass einige von ihnen bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts verfasst wurden, andere datieren vermutlich noch weiter zurück. Die Erzählungen selbst spielen in einem magischen Wales voller heroischer Männer und schöner Frauen und handeln auch von König Artus und Merlin.